Literaturwanderung in Südkärnten

Zdravko Haderlap, Kulturschaffender aus Eisenkappel und Bruder der Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap, nimmt uns mit auf eine literarische Wanderung durch den Lepen/Lepena Graben bei Bad Eisenkappel/Železna Kapla. Dabei gewähren Zeugnisse der Südkärntner Schriftsteller Maja Haderlap, Florjan Lipuš, Peter Handke und Valentin Polanšek tiefe Einblicke in die örtliche Geschichte und Schicksale der Menschen im letzten Jahrhundert und vor allem im zweiten Weltkrieg.

Das Kulturzentrum Vinkl-Hof

Scheinbar endlos fährt man durch einen tiefen Graben Richtung Bad Eisenkappel/Železna Kapla nahe der slowenischen Grenze. Links und rechts steile Hänge, Fels und Wald. Doch dann taucht er doch noch auf, der kleine Ort. Die Sonne findet gerade ihren Weg über den Berg und taucht alles in warmes Licht. Wir aber biegen ab in den Lepen/Lepena Graben. Schon bei der Einfahrt in dieses Tal bemerkt man die künstlerische Ader, die hier pulsiert. Immer wieder tauchen kleine Figuren auf, Bildhauereien und Holzarbeiten. Hier und da biegt eine Straße zu einem der Bauernhöfe ab. Unser Ziel, der Vinkl-Hof, erweist sich als ein kulturelles Zentrum, das Kreative und geschichtlich Interessierte gleichermaßen anzieht. Zdravko Haderlap hat über die Jahre interessante Wanderungen zusammengestellt und lädt auch regelmäßig zu Veranstaltungen.

Der Griff zum Widerstandsgeist Literarische Wanderung Bad Eisenkappel

Der Griff zum Widerstandsgeist

Widerstandsgeist

Die literarische Wanderung beginnt im gemütlichen Wintergarten des Vinklhof. Die Gruppe hat sich bei Cafe und einem ersten „Widerstandsgeist“ (Zdravkos selbstgebrannter Schnaps) um den Tisch versammelt. Zdravko führt uns in die Geschichte der Kärntner Slowenen und im Besonderen die Geschichte dieses Tals ein. Denn hier, in dieser abgelegenen Gegend, trafen die Fronten des 2. Weltkrieges mit aller Wucht aufeinander und rieben die Menschen dazwischen auf. Die Geschichte von Widerstand, Gewalt, Vertreibung und dem Verschwinden einer Sprache wird heute von grünen Wiesen, bunten Blumen und malerischen Berghängen getragen, die einen so gar nicht glauben lassen wollen, was sich hier nur vor einigen Jahrzehnten ereignete.

Zdravko Haderlap kennt viele Geschichten aus der Region

Zdravko Haderlap kennt viele Geschichten aus der Region

Eine Sprache finden

Doch viele Zeugnisse gibt es mittlerweile, nicht zuletzt das Museum Peršmann-Hof, wo unsere Wanderung heute enden wird. Aber auch in Gedichten und Romanen wurden einzelne Schicksale verarbeitet. Denn das Trauma vergangener Tage scheint ein wahrer Motor für kreatives Schaffen zu sein. Auch im Lepen-Graben wuchsen gleich drei bekannte Kärntner Schriftsteller auf benachbarten Höfen auf. Neben Zdravkos Schwester Maja, die für ihren Roman „Engel des Vergessens“ mit dem Bachmann Preis ausgezeichnet wurde, waren nur ein paar Höfe weiter Florjan Lipuš und Valentin Polanšek zu Hause. Zdravko erklärt sich diesen Drang zu schreiben damit, dass die Geschichte der Menschen hier viel zu lange keine Stimme und keine Sprache hatte. Doch der Wunsch nach Gerechtigkeit und der Verarbeitung des eigenen Traumas trieb viele an, zu Stift und Papier zu greifen und dem eigenen Geist eine Stimme zu verleihen.

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Die Worte ueber vergangene Tage haengen in der Luft Literarische Wanderung Bad Eisenkappel

Die Worte über vergangene Tage hängen in der Luft

Die Worte über vergangene Tage hängen in der Luft

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5 Wunderscho ne Pla tze gibt es zu entdecken Literarische Wanderung Bad Eisenkappel Schu tt

Wunderschöne Plätze gibt es zu entdecken

Wunderschöne Plätze gibt es zu entdecken

Auf den Spuren von „Engel des Vergessens“

In diesem Sinne begeben wir uns auf den Weg, um den Wurzeln dieser Literaten nachzuspüren. Es geht durch den Wald, heute gekennzeichnet durch die letzten Sturmschäden, die den Bauern hier schwer zu schaffen machen und ganze Existenzen bedrohen. Auch im zweiten Weltkrieg war der Wald nicht gerade ein Ort um spazieren zu gehen. So schreibt Maja Haderlap: „In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt auch sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen“.

Als wir den Hojnik Hof fast erreicht haben, bleibt Zdravko vor einem gemauerten Viereck stehen, dem ehemaligen Haus der Großeltern des Hofes. Während Sandra, eine Teilnehmerin der Wanderung, einige Zeilen aus „Engel des Vergessens“ liest, lasse ich die Natur auf mich wirken. Alles ist friedlich, außer den Vögeln, dem rauschenden Bach ist nichts zu hören, die Bäume treiben aus, von den grünen Rücken der Blätter perlt das Wasser, während die Sonne meine Haut wärmt. Sandras vorgelesenen Worte zerschneiden diese Idylle, stehen im Kontrast, denn sie erzählen von Mord und Vertreibung genau an diesem Ort. Das Schicksal der hier einst lebenden Menschen breitet sich vor uns aus und macht deutlich, dass Frieden ein sehr zerbrechlicher Zustand ist.

Gemeinsames Lesen verbindet Literarische Wanderung Bad Eisenkappel

Gemeinsames Lesen verbindet

Kleine Geschichten mit großer Bedeutung

Auf der 10 Kilometer langen Runde kommen wir Schritt für Schritt der Landschaft, der Geschichte und den Menschen näher. Denn Zdravko kennt sie, die Geschichten, die sich im kleinen, im familiären Kreis abspielten und doch von einem ganzen Jahrhundert berichten. Brüder, Schwestern, Tanten und Onkel, die sich aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen überwarfen. Beeinflusst durch gesellschaftliche Entwicklungen, die bis in dieses abgelegene Tal vordrangen und keine Familiengeschichte unangetastet ließen. Wir beginnen langsam zu verstehen, Fragen kommen auf, angeregte Gespräche begleiten den Weg, zum nächsten Ziel der Wanderung. Denn Geschichte hat viele Facetten und Perspektiven, die immer Raum für unterschiedliche Auslegungen lassen. Zdravko findet: „Die Geschichte ist nicht das, was einer erzählt, sondern, was alle erzählen. Die verschiedenen Seiten sollte man deshalb zulassen, sonst kann man sich nicht weiterentwickeln“. 

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Ein reger Austausch entsteht Literarische Wanderung Bad Eisenkappel

Ein reger Austausch entsteht

Ein reger Austausch entsteht

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Verlassene Hoefe Literarische Wanderung Bad Eisenkappel

Verlassene Höfe erwachen durch ihre Geschichte wieder zum Leben

Verlassene Höfe erwachen durch ihre Geschichte wieder zum Leben

Auf Brautschau oder „brendeln gehen“

Dabei ist ihm vor allem wichtig, dass bei aller Schwere der Geschichte der Humor nicht verloren geht. Und so erfahren wir auch von vergangenen Tagen, als sich die jungen Männer, so wie wir heute, ins benachbarte Lobnig-Tal begaben. Dort klopften sie bei den schönen Mädchen an die Fenster, gingen auf Brautschau oder wie es hier heißt „brendeln“. Doch auch die Frauen zog es mit der Zeit von den Bergbauernhöfen hinunter ins Tal und so malen Sätze von Literat Florjan Lipuš für uns Bilder in die Landschaft, die von der Abwanderung der Frauen aus den Tälern in die Stadt berichten „ müde gebeugt und wund gejätet (…) Ihren Zauber und Anmut trugen sie nach und nach von den Bergen herab“. Die Bedeutung der Abwanderung wird klarer, als wir hören, wie viele alte Junggesellen es hier gibt, deren Höfe keine Nachfolger mehr haben werden.

Literarische Wanderung Bad Eisenkappel

Schritt für Schritt der Geschichte näher kommen

Vergangenes ist immer auch ein Teil von uns

Wie seine eigene Westentasche kennt der 59-jährige Zdravko diese Gegend, kennt Pfade durch die steilen rauen Felswände, die auch einst Widerstandskämpfer nutzten, um sich schnell und unbehelligt zu bewegen. Mit jeder Geschichte lässt er verlassene Höfe und die scheinbar einsamen aber wunderschönen Täler zum Leben erwachen. Er vermittelt uns einen Einblick, den man beim bloßen Durchwandern nie erlangen würde. Zdravko will nicht weg aus diesem Tal. Ganz im Gegenteil. Nach einigen Jahren in Berlin ist er bewusst auf seinen Heimathof zurückgekehrt.

 

 

Diese Entscheidung führte für ihn zu einer ganz bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Einer leisen Geschichte wie er meint. Denn alles was hier passierte, hat nie viel Öffentlichkeit bekommen. Heute Menschen daran teilhaben zu lassen, macht für ihn den Umgang leichter und eröffnet auch den Teilnehmern eine Möglichkeit sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen und dies beim Wandern direkt mit anderen zu teilen.

Denn das Gehen befreit. 

Literarische Wanderung Bad Eisenkappel Vergissmeinnicht

Mahnend säumen Vergiss-mein-nicht den Weg

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