Faszination Eisklettern

Der Winter hat uns bisher wenig Schnee in Kärnten gebracht, dafür aber konstant kalte Temperaturen und somit beste Bedingungen für wunderschöne Eisfälle. Für mich geht es daher heute ins Fleißtal bei Heiligenblut, um mich zum ersten Mal im Eisklettern in Kärnten zu versuchen.

Gefrorenes Wasser – ein eigensinniges Element

Eisklettern ist ein Sport, an dem sich die Geister scheiden, zumindest bei mir zu Hause. Es kann vorkommen, dass mein Freund bei 30 Grad und in kurzer Hose mit Eisgeräten in der Hand um frostige Temperaturen bittet und schon mal vorsorglich die Hauen der Eisgeräte schärft. Bei mir hat der Gedanke bei klirrender Kälte auf einem gefrorenen Wasserfall herumzuzappeln bislang für weniger Begeisterung gesorgt. Aber die Frage, was einen bei sommerlichen Temperaturen veranlasst, an gefrorenes Eis zu denken und zwar nicht in Form von Wassereis, ließ mich nicht los.

In Begleitung von Bergführer Michi Mautz möchte ich heute also im Fleißtal bei Heiligenblut herausfinden, worin diese Faszination liegt. Er selbst klettert seit fast 10 Jahren im Eis und erinnert sich, dass er vom ersten Moment an fasziniert war. „Mich beeindruckt, dass im Sommer dort Tonnen an Wasser ins Tal fließen und im Winter auf einmal alles erstarrt und kletterbar wird“, so der gebürtige Lavanttaler.

1000 Sachen im Gepäck

Schon als wir den Rucksack packen, wird mir klar, warum Eisklettern eine besondere Hingabe erfordert. Vor mir türmt sich ein riesiger Materialberg auf. Eisschrauben, Steigeisen, Bergschuhe, Eisgeräte, Klettergurt, Seil, Karabiner, Sicherungsgeräte, Bandschlingen, Handschuhe, Mütze, Helm und Stöcke für den Zustieg müssen verstaut werden. Ganz zu schweigen von den vielen Schichten, die ich bereits am Körper trage. Voll bepackt geht es dann durch das verschneite Goldgräberdorf und den steilen Hang zu den Eisfällen hinauf. Immer wieder sinken die Füße tief in den Schnee ein, aber immerhin ist mir warm, als wir oben ankommen. Vor uns schmiegen sich kunstvolle Eisformationen an den Felsen. Schlanke Eiszapfen vereinen sich zu einem großen dicken Zapfen, um dann wieder als bläuliches Band den Fels zu umhüllen. „Ein Eisfall kann sich über Wochen aufbauen, um dann wieder vollkommen in sich zusammenstürzen“ erklärt Michi. „Denn völlig still steht gefrorenes Wasser nie. Ständig, je nach Wetterlage, verändert es sich, die Eisbeschaffenheit und somit auch die Route. Das macht Eis zu einem eigensinnigen Element und ganz anders, als alles was man sonst kennt“. Aus seiner Sicht macht es das Ganze erst richtig interessant, setzt aber gleichzeitig voraus, sich mit den Bedingungen sehr gut auszukennen, um das Risiko zu minimieren. Dafür verlasse mich heute auf Michis Erfahrung und sein Können.  

Sabrina Schuett_Kaernten_Werbung
Eisklettern im Fleisstal

Beim Zustieg kann man sich schon mal aufwärmen

Beim Zustieg kann man sich schon mal aufwärmen

Sabrina Schuett_Kaernten_Werbung
Eisfaelle im Fleisstal

Kunstvolle Eisgebilde im Fleißtal

Kunstvolle Eisgebilde im Fleißtal

Eine besondere Beziehung

Für den Einstieg wählt Michi einen ziemlich robust aussehenden Eisfall aus. Ein dickes bläuliches Band aus gefrorenem Wasser zieht sich über den Felsen. Zwischendrin gibt es ganz blanke und ziemlich glatt aussehende Stellen, die mir ein mulmiges Gefühl geben. „Du kannst es dir selbst leichter oder schwerer machen. Je nachdem welchen Weg du wählst.“ Auch das fasziniert Michi am Eis. Außerdem gibt es ganz anders als beim Felsklettern Jahre, in denen sich ein Eisfall gar nicht aufbaut. „So fiebert man jede Wintersaison mit, checkt den Wetterbericht, und schaut regelmäßig, wie der Fall aussieht. Da hat man schon eine ganz eigene Beziehung zum Eis“, erzählt Michi.  

Eisklettern im Fleisstal

Eisklettern im Fleißtal

Immer locker aus dem Handgelenk

Ganz in seinem Element steigt er als erster den Fall hinauf und dreht alle paar Meter Eisschrauben in das dicke Eis, um dort das Seil einzuhängen. Hier und da räumt er Schnee und brüchiges Eis aus dem Weg. Nach einigen Metern macht er einen Stand, damit ich im Toprope, also in einem eingehängten Seil meine ersten Eisklettermeter absolvieren kann. Die Steigeisen an den Füßen, mit Helm auf dem Kopf und Eisgeräten in der Hand stehe ich nun also am Fuß meines ersten Eisfalls. Doch bevor es rauf geht, erklärt Michi mir die grundlegende Technik. Als erstes wird das Eisgerät mit Schwung aus dem Handgelenk in das Eis geschlagen. Um Kraft zu sparen, nutzt man am besten die vorgegebenen Strukturen, wie Löcher, Bänke und Schlitze, um die Eisgeräte zu platzieren. Die ersten Versuche gelingen mäßig. Das Handgelenk wackelt und das Eisgerät rutscht ab. Nach ein paar Versuchen sitzt es dann immer häufiger solide und ich vertraue darauf, mich festhalten zu können.

Eisklettern im Fleisstal

Michi zeigt mir die grundlegende Technik

„Right foot higher, left foot higher and than follow your dreams“

Als nächstes kommen die Füße an die Reihe. Die Steigeisen richtig zu platzieren und die Füße dann zu belasten, kostet schon mehr Überwindung. Mehrere Male will das Steigeisen nicht halten. Erst mit dem Tipp, ich solle mir vorstellen, jemandem einen ordentlichen Tritt in den Hintern zu verpassen, sitzt es bombenfest. Der vordere Zacken bohrt sich ins Eis, aber der Rest des Fußes bleibt in der Luft. Die Ferse soll ich auf jeden Fall hängen lassen, sonst laufe ich Gefahr bald einen Krampf zu bekommen. Das ist gar nicht so leicht und fühlt sich erst mal recht wackelig an. Um das Gewicht wirklich auf die Füße zu bringen, müssen dann noch die Arme gestreckt bleiben und die Hüfte zur Wand, also wie beim Klettern. Das Aufsteigen übe ich erst mal an einer „Leiter“, die Michi mit den Eisgeräten gebaut hat. Dann finde ich mich schon in den ersten zehn Metern im Eisfall wieder. Meter für Meter setze ich die Eisgeräte und steige mit den Füßen nach. Manchmal braucht es ein paar Versuche, bis die Eisgeräte fest in der Wand sitzen, aber dann fühlt sich die Position richtig stabil an.

Eisklettern im Fleisstal

Erste Versuche

Einatmen! Ausatmen!

„Das sieht doch schon ganz gut aus. Jetzt steigen wir mal ganz rauf, oder?“ Gesagt, getan. Michi hängt ein Seil ein, das circa 30 Meter den ganzen Fall hinaufführt. Von oben sichert er mich nach. Mit jedem Meter werden die Schläge ins Eis präziser. Immer wieder brechen dabei kleine Eisstücke heraus und fallen klirrend zu Boden. Das Knarren und Kratzen der Steigeisen in der absoluten Stille wirkt irgendwie beruhigend auf mich. Nach 15 Metern wird der Eisfall steiler und anstrengender. Das genaue Platzieren der Eisgeräte und Steigeisen wird wichtiger. Ich merke, wie ich etwas unruhig werde und ermahne mich, ganz normal weiter zuatmen. Einatmen, Eisgerät platzieren, ausatmen, nachsteigen. Ich konzentriere mich voll auf die Bewegung und es macht Spaß die Eisgeräte kraftvoll ins Eis zu schlagen. Fühlt sich irgendwie kriegerisch und abenteuerlustig an. Die Unruhe vergeht wieder, dafür merke ich kurz unter dem Stand, wie das Gefühl in den Händen immer weniger wird und lerne auf die harte Tour, dass ich einen wichtigen Tipp völlig vergessen habe. Das Ausschütteln der Hände! Wie tausend hämmernde Nägel, fühlt es sich an, als das Blut langsam wieder zurück in die Fingerspitzen fließt. Ich kenne das Gefühl: „Man weiß nicht genau, ob man schreien oder weinen soll, aber gleich wird es warm in den Fingern“.

Hände ausschütteln nicht vergessen!

Als sich das Gefühl in den Fingern endlich normalisiert, kann ich mich am Stand erst mal erholen. Michi gratuliert mir: „Super gemacht“. Ich kann erst mal nur zufrieden lächeln. Eisklettern ist schon herausfordernd, aber macht für mich auch überraschend viel Spaß. Mir gefällt es, voll konzentriert bei der Sache zu sein und den eigenen Körper auf ganz neue Weise wahrzunehmen. Nicht unbedingt die schmerzhaften Sekunden, aber die Kraft und die Möglichkeit sich in einem sonst eher unwirtlichen Element zu bewegen, haben mich beeindruckt. Beim nächsten Mal werde ich sicherlich nicht vergessen, meine Hände immer mal wieder auszuschütteln. Denn die Entscheidung demnächst nochmal ins Eis einzusteigen, habe ich bereits jetzt getroffen.

Eisklettern im Fleisstal

Abseilen macht mir immer Spaß

Mehr Sicherheit mit einem erfahrenen Bergführer

Wahrscheinlich ist Eisklettern kein Sport für jedermann und es birgt auch immer ein gewisses Risiko. Aber wer es ausprobiert, wird sich einer gewissen Faszination nicht entziehen können. Denn wenn man sich dieser Herausforderung stellt, erfährt man sich und die Natur ganz unmittelbar. Hier entscheidet das Eis, ob und wo geklettert werden kann oder nicht. Eine dieser kunstvollen und stabilen Eisformationen dann hinauf zu steigen, ist ein besonderes Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst.

Eisklettern im Eispark Heiligenblut
Eispark in Heiligenblut

In Kärnten kann man an verschiedenen Orten das Eisklettern ausprobieren ohne sich sofort mit dem gesamte Material auszustatten. Gute Bergschuhe mit steifer Sohle sind aber auf jeden Fall empfehlenswert. Im Skiurlaub können aber auch die Skischuhe zum Eisklettern benutzt werden. Im Eispark in Heiligenblut oder im Bergsteigerdorf Mauthen werden regelmäßig Eiskletter- und Schnupperkurse angeboten. In der Natur zu klettern ist wunderschön, aber auf Grund der Ausrüstung und dem notwendigen Wissen über die Verhältnisse empfiehlt sich auf jeden Fall einen erfahrenen Bergführer zu buchen.

Mehr Informationen zu meinem Bergführer Michael Mautz

Übersicht Kärntner Bergführer

Das Wetter heute, 22. Februar 2019

Diese Website nutzt Cookies, um Ihr Nutzererlebnis zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung